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Schiedsrichter  

Ein Blick über den Tisch - Was ist das Besondere als Schiedsrichter?

Frühjahrsinterview mit den Schiedsrichtern Olaf Kath [VfL Oberjettingen], Werner Nüssle [VfL Oberjettingen], TTBW-Ressortleiter Martin Reinauer und Abteilungsleiter Janick Schache [VfL Oberjettingen]

„So schwer kann das doch nicht sein – schließlich habe ich das auch schon sehr gut hinbekommen“: Diese Haltung hat wahrscheinlich schon einmal jeder Tischtennisspieler vertreten oder offen ausgesprochen. Dabei verkörpert die Funktion als Schiedsrichter eine vielfältige und zugleich umfassend komplexe Aufgabe. Im heutigen Interview steht diese daher ganz besonders im Fokus.

Steckbriefe der Interviewpartner

Fangen wir zum Einstieg ganz einfach an: Könnt ihr euch noch daran erinnern, wann ihr mit dem Schiedsrichteramt begonnen habt?

Werner Nüssle (WN): Seit mittlerweile fast 30 Jahren, genauer gesagt seit 1992, bin ich als Schiedsrichter aktiv. Die Zeit vergeht, jetzt wo ich es mir vor Augen halte, doch sehr schnell.

Olaf Kath (OK): Bei mir sind es rund 47 Jahre oder anders formuliert: beinahe ein halbes Jahrhundert bin ich nun schon als Schiedsrichter im Tischtennis unterwegs. Und immer noch ungebremst im Elan für die kommenden Jahre.

Martin Reinauer (MR): Mit Olaf kann ich tatsächlich nicht ganz mithalten. Angefangen hat alles im Jahr 1979. In Vorbereitung auf dieses Interview ist mir erst klar geworden, wie viel sich in den vergangenen Jahren geändert hat und das bei einem immer dynamischeren Regelwerk.

Was begeistert einen generell am Schiedsrichterdasein und, speziell in eurem Fall, hält bis heute an?

WN: Grundsätzlich ist man doch aus Überzeugung und Leidenschaft dabei. Ganz besonders hervorzuheben ist aber die Nähe zu den Spielern und gerade auf internationaler Ebene der Kontakt zu den vielfältigen Kulturen, welche die Spieler mitbringen. Zudem herrschen zwischen den Schiedsrichtern ein geselliger Kontakt und reger Austausch, wodurch die einzelnen Events mitunter sehr kurzweilig sind. Bei größeren Veranstaltungen gibt es regelmäßig auch eine Abendveranstaltung für die Schiedsrichter zur Stärkung der Gemeinschaft. Alles in allem also eine runde Sache.

OK: Darauf kann ich kurz und prägnant antworten. Das Kennenlernen einer Vielzahl unterschiedlicher Spielerinnen und Spieler sowie die tollen Ballwechsel, bei denen man ganz vorne dabei ist, machen diese Funktion einzigartig.

Martin, jetzt mal Hand aufs Herz – was veranlasst einen dazu, freiwillig Ressortleiter „Schiedsrichter“ beim TTBW zu werden und wie wird man gewählt?

MR: Fangen wir mit der leichteren Antwort an. Die offizielle Wahl zum Ressortleiter fand am 29. März vergangenen Jahres, Corona-konform, in einer Online-Versammlung der Schiedsrichter-Ressortleiter der einzelnen Bezirke statt. Unter diesen Rahmenbedingungen ein wirklich seltenes Ereignis. Zwar steht die offizielle Bestätigung durch den Landesverbandstag, der bis dato noch nicht durchgeführt wurde, weiter aus, dabei handelt es sich aber mehr um eine Formalie.

Zu den inhaltlichen Beweggründen könnte ich jetzt sehr weit ausholen, sind diese doch vielfältig und zeitgleich von unterschiedlicher Natur. Das Zusammenführen der beiden Ursprungsverbände SbTTV und TTVWH zu einem konsolidierten und funktionierenden Schiedsrichterbereich war, neben den ohnehin schon reizvollen Aufgaben, aber sicherlich einer der ausschlaggebenden Aufgaben.

Das klingt ziemlich spannend – wie können wir uns die Arbeit als Ressortleiter Schiedsrichter im Detail vorstellen? Hast du dir mittelfristige Ziele in dieser Funktion gesetzt?

MR: Zunächst sei gesagt, dass die Arbeit als Ressortleiter natürlich überwiegend verwaltungsgetrieben ist. Gerade zu Beginn standen überdurchschnittlich viele Sitzungen mit dem Fachausschuss Schiedsrichter auf der Tagesordnung, um das Schiedsrichterwesen im neuen Verband entsprechend neu zu positionieren. Parallel finden weitere Sitzungen mit dem Hauptausschuss Wettkampfsport sowie übergreifend mit dem Schiedsrichterbereich des DTTB statt. An manchen Tagen hetzt man von Sitzung zu Sitzung, ohne jegliche Chance, die daraus resultierenden Folgeaufträge überhaupt abarbeiten zu können. Obwohl das operative Tagesgeschäft aufgrund der weiterhin anhaltenden Corona-Pandemie natürlich weniger geworden ist, bleiben genug andere Aufgabengebiete. Kurzfristig stehen hier beispielsweise die Einführung einheitlicher Ausweise und die Schiedsrichterbekleidung im Vordergrund. Mittelfristig muss auch über die Vereinheitlichung von Ausbildungsstandards oder die grundsätzliche Vorgehensweise bei den Schiedsrichtereinsätzen diskutiert werden.

Eine Aufgabe ist mir persönlich aber sehr wichtig, nämlich den Stellenwert eines Schiedsrichters im Bewusstsein der Spieler und Funktionäre anzuheben. Dafür werde ich mich mit voller Kraft einsetzen.

Jetzt seid ihr beiden, Olaf und Werner, ja schon eine ganze Weile als Schiedsrichter aktiv – mittlerweile ist es vermutlich schon fast Routine. Wenn ihr euch aber mal an den ersten größeren Einsatz zurückerinnert, wie war es da um eure Gefühlslage bestellt?

WN: An mein erstes großes Event als Oberschiedsrichter kann ich mich noch gut erinnern, und zwar war das das DTTB Top 48-Bundesranglistenturnier der Schüler 2010 in Herrenberg. Das war die erste Veranstaltung, die allein in meiner Verantwortung lag, weshalb ich auch ziemlich nervös war. Aber diese Nervosität legt sich mit der Zeit.

OK: Mein erstes ganz großes Event – nach den deutschen Jugendmeisterschaften 1974 in eigener Halle – waren die German Open 1981 in Kiel mit vielen internationalen Teilnehmern. Zu der Zeit waren Ausländer in der Bundesliga noch die Ausnahme und somit war es auch mein erstes internationales Event. Meine Nervosität hat sich insgesamt in Grenzen gehalten, schließlich sind die Spielerinnen und Spieler auch alles nur Menschen.

Existiert – rückblickend auf eure bisherige Schiedsrichterkarriere – das eine persönliche Highlight oder ist es mehr die Gesamtheit an Veranstaltungen, die es so zu etwas Besonderem macht?

WN: Es gibt sicherlich mehrere Events, an welche man sich aus den unterschiedlichsten Gründen nachhaltig erinnert. Als Oberschiedsrichter unter anderem das Pokalfinale (Final 8) in der Stuttgarter Porsche-Arena oder das Pokalfinale (Final 4) in Neu-Ulm. Als Schiedsrichter mit direktem Einsatz am Tisch sicherlich die internationalen Einsätze, wie beispielsweise bei den German Open oder die Senioren-EM in Finnland.

OK: Da fallen mir zwei Ereignisse ein, welche ich definitiv als persönliche Highlights bezeichnen würde. Einerseits sicherlich das Endspiel beim FM Munzer Cup 2013 in Sindelfingen mit Timo Boll und Dimitrij Ovtcharov, andererseits aber auch eine Begegnung in der Bundesliga zwischen Ochsenhausen und Frickenhausen, bei der ich vor über 1.500 Zuschauern einen spektakulären sowie kniffligen Punkt gegen das heimische Doppel geben musste.

Bei einer Hochgeschwindigkeitssportart kommt es regelmäßig zu den eben bereits angedeuteten kniffligen oder gar brenzligen Entscheidungen – sticht bis heute eine dieser hervor?

WN: Naja, es dreht sich ja nicht nur um den reinen Einsatz am Tisch, vielmehr finden vor- und nachgelagert eine Reihe weiterer Prozesse statt. Beim Bundesranglistenturnier 2010 in Herrenberg wurden zum ersten Mal auf dieser Ebene Schlägertests durchgeführt. Aufgrund von erhöhten Werten mussten wir damals einige Schläger aus dem Verkehr ziehen, obwohl sie erst kurz zuvor gekauft wurden oder neue Beläge erhalten haben. Das war teilweise nicht einfach, den Betroffenen, den zuständigen Betreuern und insbesondere den Eltern solche Entscheidungen verständlich beizubringen. Als Schlägertester fungierte damals Markus Baisch, der heutige Ressortleiter auf Bundesebene.

OK: Wie eben bereits erwähnt beim Bundesligaspiel Ochsenhausen gegen Frickenhausen, bei dem nach einem langen – sowohl von der Zeit als auch vom Abstand zum Tisch – Ballwechsel in einem Doppel ein Stoppball gespielt wurde und der heimische Spieler so viel Schwung beim Heranlaufen an die Platte hatte, dass er nicht mehr abbremsen konnte und über sie gelaufen ist. Dabei spielte er zwar einen korrekten Ball, hat aber den Tisch verschoben und den Gegner behindert, weswegen ich den Punkt gegen ihn zählen musste. Das beschreibt die Komplexität des Schiedsrichteramts wohl sehr gut.

Von der Vergangenheit zurück ins Hier und Jetzt: Wie viel Einsätze habt ihr im Jahr ungefähr?

WN: Das ist von mehreren Faktoren abhängig, durchschnittlich komme ich aber auf 20 bis 25 Einsätze pro Jahr.

OK: Bei mir sind es etwa 12 bis 14 Einsätze im Jahr.

Simples Basiswissen reicht für einen gestandenen nationalen oder gar internationalen Schiedsrichter lange nicht aus. Wie viel zeitlicher Invest muss tatsächlich erbracht werden?

WN: Der Gesamtaufwand ist schwer in einer konkreten Zahl zu beziffern. Schließlich müssen neben dem Einsatz als Schiedsrichter am Tisch auch die Fortbildungen sowie als Oberschiedsrichter nochmals einen nicht unerheblichen Zeitaufwand für Vor- und Nachbereitung einer Veranstaltung berücksichtigt werden. So genau habe ich das noch nie aufgeschrieben, es ist aber in jedem Fall deutlich mehr als nur am Tisch zu stehen.

OK: Ähnlich wie Werner habe auch ich mir noch nie konkretere Gedanken über die Anzahl an Stunden oder Tage gemacht. Neben den regulären Einsätzen ist spätestens alle zwei Jahre eine Teilnahme an Fortbildungslehrgängen verpflichtend, manchmal auch mehrere Fortbildungen unterjährig wegen geänderter Regeln.

Aktuell befinden wir uns in einer ausgedehnten Zwangspause, sodass viele vorgesehene Einsätze ausfallen. Was war der letzte größere Einsatz oder ist vielleicht auch schon wieder etwas für die Zukunft angesetzt?

WN: Mein letzter großer Einsatz waren die German Open im Februar 2020 in Magdeburg. Dort war ich als Schlägertester und als Schiedsrichter am Tisch im Einsatz. Momentan beschränken sich die Einsätze auf die Bundesligaspiele leider auf ein Minimum. Auf nationaler Ebene habe ich mich für die Deutschen Meisterschaften im August in Bremen beworben, auf internationaler Ebene ist, aktuell bedingt durch Corona, nichts geplant.

OK: Für mich ist jeder Einsatz gleich groß, egal ob als Oberschiedsrichter in der Verbandsliga oder als Schiedsrichter am Tisch bei Jahrgangsmeisterschaften der Jugend.
Ich hoffe, dass der Spielbetrieb sich im Herbst wieder normalisiert und ab dann auch wieder vermehrt Einsätze als Schiedsrichter möglich sind.

Hat sich das abwechslungsreiche Aufgabenprofil in Corona-Zeiten verändert?

WN: Das Aufgabenprofil hat sich überhaupt nicht verändert, viel mehr wurde die Schiedsrichtertätigkeit weitestgehend heruntergefahren, mit Ausnahme vereinzelter Einsätze in den Bundesligen. Im Vordergrund stehen hierbei natürlich die Kontrolle und Einhaltung der Hygiene-Maßnahmen. Ich freue mich schon sehr, wenn wir uns wieder auf die originären Aufgaben eines Schiedsrichters fokussieren können.

OK: Ich kann mich da Werner voll und ganz anschließen. Um es noch drastischer zu formulieren, könnte man auch sagen, dass das Schiedsrichteramt derzeit zu Hause sitzt und auf Regeländerungen wartet.

Lenken wir den Blick vom operativen Schiedsrichterwesen hin zu strategischen Fragestellungen. Martin, kann aus den vergangenen Jahren ein Trend zur Entwicklung der Anzahl an Schiedsrichtern in 5, 10 oder 15 Jahren abgeleitet werden?

MR: Grundsätzlich ist in den vergangenen Jahren ein klarer Trend zu beobachten. Die Tendenz zeigt hier eine abnehmende Anzahl an Schiedsrichtern. Daran wird sich, nach heutigem Stand, auch in den kommenden Jahren erst einmal nichts ändern. Es wird einfach zunehmend schwieriger, Leute für unsere Aufgaben nachhaltig zu begeistern.

Das klingt beinahe dramatisch. Wie ist diese Entwicklung tatsächlich einzuschätzen und werden darauf aufbauend besondere Maßnahmen eingeleitet?

MR: Vorweg sei gesagt, dass die skizzierte Entwicklung bundesweit die Gleiche ist. Alle Verbände haben große Probleme, Schiedsrichter zu finden und diese dann auch noch langfristig zu halten. Im TTBW haben wir daher ein Pilotprojekt initiiert, nämlich die Einführung einer Lizenzstufe unterhalb des Verbandsschiedsrichters (VSR). Mit einem Verbandsschiedsrichter am Tisch (VSRaT) sollen die Eintrittshürden nochmals verringert werden. So benötigt der VSRaT nur eine verkürzte Ausbildung und wird nur als Schiedsrichter am Tisch bei größeren Turnieren eingesetzt. Diese Lizenzstufe kann man schon ab 14 Jahren erlangen. Wir erhoffen uns hiervon insbesondere den Zugang zu den jüngeren Zielgruppen.

Welche Rolle nehmen die Vereine hierbei ein oder können Sie einnehmen, um das Schiedsrichterwesen zu stärken?

MR: Grundsätzlich möchte ich hier nochmals ganz klar darauf hinweisen, dass es jedem Verein Vorteile bringt, einen oder mehrere Schiedsrichter in seinen Reihen zu haben. Neben dem finanziellen Vorteil ist es sicher gut, wenn im Verein eine gewisse Fachexpertise zum aktuellen Regelwerk vorhanden ist.

Denn gerade im Amateurbereich herrscht sehr viel gefährliches Halbwissen, was mitunter auch negative Auswirkungen auf den Spielbetrieb haben kann.

Nachdem wir nun schon eine Menge Details gehört haben, wird es Zeit für ein Statement – was könnt ihr all denjenigen mitgeben, welche sich grundsätzlich für das Schiedsrichteramt interessieren?

WN: Das Schiedsrichteramt ist eine interessante Alternative zum Spielen selbst, unabhängig von Ebene und Funktion. Bereits als Verbandsschiedsrichter können Oberschiedsrichtereinsätze auf Regionalebene oder bei Turnieren wahrgenommen werden. Aber auch als Schiedsrichter am Tisch bei Spielen von der 2. Bundesliga abwärts sowie Ranglisten oder Meisterschaften. Fairerweise muss aber auch gesagt werden, dass die Aufwandsentschädigungen für den Einsatz gerade mal die Unkosten decken. Einen finanziellen Anreiz gibt es somit nicht.

OK: Macht diese Ausbildung zum Schiedsrichter und begleitet interessante Spiele in allen Ligen. Als Schiedsrichter leiten wir Spiele und ermöglichen faire sportliche Wettkämpfe.

MR: Viele befürchten, dass man gezwungen ist, eine Mindestanzahl an Einsätzen zu übernehmen und haben die damit einhergehende Sorge einer zeitlichen Überbelastung. Aber auch wir wissen, dass Beruf und die private Freizeit Vorrang haben. Hier werden regelmäßig funktionierende Einsatzpläne organisiert, bei denen auch die oben genannten Themen nicht zu kurz kommen.

Seit mehr als vier Jahren darf man auch im Amateurbereich zwischen den Ballwechseln coachen, bei Mannschaftswettbewerben z. B. dürfen alle auf der Bank sitzenden Personen coachen. Wie hat sich die Regelung etabliert?

WN: An dieser Stelle kann ich mich kurz und knapp halten. Die Regelung hat sich perfekt etabliert und wird auch entsprechend genutzt.

OK: Grundsätzlich hat sich diese Regel gut etabliert, wenngleich ich diese typischerweise nur in den oberen Spielklassen oder bei höherklassigen Turnieren beobachte. Nach meinem Dafürhalten könnte sie noch ausgiebiger genutzt werden.

MR: Meiner Ansicht nach ist die Coaching-Regel sehr positiv. Ich war anfänglich sehr skeptisch, hauptsächlich im Jugendbereich, wo ich befürchtete, dass hochmotivierte Eltern ihre Sprösslinge verstärkt unter Druck setzen würden. Dies hat sich aber nicht bestätigt. Für uns als Schiedsrichter ist es also gut so. Wir können uns in den Zeiten zwischen den Ballwechseln auf unsere Arbeit konzentrieren und müssen nicht ständig die Betreuer im Auge behalten, um zu sehen, ob sie was einflüstern.

Fairness ist eines der zentralen Themen im Sport und fällt regelmäßig positiv wie negativ auf. Wie fair ist der Tischtennissport wirklich? Geben die Spieler regelmäßig Bälle zugunsten der Gegner zu, so wie es Timo Boll beispielsweise im Jahr 2005 vorgemacht hatte?

WN: Im Allgemeinen ist die Fairness beim Tischtennis sehr ausgeprägt und bei zweifelhaften Bällen schließe ich mich den Meinungen der Spielenden an, wenn sie sich einig sind. Möglicherweise ändert sich das im Zuge der fortlaufenden Professionalisierung des Tischtennissports. Ein leidiges Thema bleibt aber der Aufschlag, da die Schiedsrichter für eine objektive Beurteilung sehr ungünstig sitzen. Möglicherweise können hier, zumindest bei größeren Veranstaltungen, elektronische Mittel zusätzlich eingesetzt werden.

OK: Die Spielerinnen und Spieler sind durchgängig sehr fair. Wenn sie mich auf eine Fehlentscheidung, meistens zu einem Kantenball oder Netzball, hinweisen, korrigiere ich mich gerne und bedanke mich bei den Spielern für ihren Hinweis. Im Vergleich zu anderen Sportarten sind wir hier bereits auf einem sehr guten Weg.

MR: Insgesamt ist unser Sport bereits sehr fair. Im Spitzensport sind es die unauffälligen und versteckten Fouls, die wir Schiedsrichter finden müssen. So beispielsweise ein falscher Aufschlag beim Stand von 9:9 im Entscheidungssatz.

Das Regelwerk im Tischtennis ist extrem umfangreich und wird den aktuellen Entwicklungen angepasst. Gibt es eine Regelung, welche aus eurer Sicht abgeschafft oder reformiert werden sollte?

WN: Aus meiner Sicht muss über die Anpassung von zwei Regelungen nachgedacht werden. Einerseits das eben erwähnte leidige Thema Aufschläge und die Etablierung eines durchgängigen Spielsystems für alle Klassen.

OK: Die Regel zum Aufschlag führt zu den meisten Diskussionen. Wenn man hier den Ball mindestens einen Meter oder besser noch zwei Meter hochwerfen müsste, könnte man schon vielen Diskussionen aus dem Wege gehen.

MR: Ein Dauerbrenner ist, wie von meinen beiden Vorrednern bereits angesprochen, der Aufschlag. Der Schiedsrichter muss beurteilen können, ob der Ball für den Rückschläger verdeckt wurde oder nicht. Das ist aus der Perspektive des Schiedsrichters aber meist kaum zu erkennen. Trotzdem sind wir dann die Schuldigen, wenn wir es nicht sehen. Wenn nur ein Rückhandaufschlag erlaubt wäre, könnte man das schon entschärfen. Aber durchsetzbar wird so eine Idee wohl nicht sein.

Zum Abschluss noch eine Transferfrage – habt ihr schon einmal den Aufschlag des Gegners moniert?

WN: Nein, da es in der Regel eher die eigene Konzentration stört, als dass es effektiv hilft.

OK: Ja – aber meistens ohne Erfolg.

MR: Wenn ein Gegner einen Aufschlag wirklich extrem falsch macht, so dass er auch einen deutlichen Vorteil erlangt, dann sage ich schon was. Das bleibt aber im Allgemeinen erfolglos. Leider ist in unserem Sport nicht derjenige der Böse, der einen falschen Aufschlag macht, sondern der, der ihn bemängelt. So denke ich aber nur als Spieler – als Schiedsrichter ist es meine Aufgabe, für Gerechtigkeit zu sorgen.

Neben dem Fokus auf das Schiedsrichteramt blickt Ressortleiter Martin Reinauer gemeinsam mit Janick Schache, dem Abteilungsleiter des VfL Oberjettingen e. V., auf weitere aktuelle Entwicklungen im Tischtennis.

Im Tischtennis wird seit Jahren ein Rückgang an Mitgliedern und Mannschaftsmeldungen beklagt. Wie gelingt es kontinuierlich sowie nachhaltig jüngere und ältere Menschen von der vermeintlichen Randsportart zu überzeugen?

Janick Schache (JS): Der fortschreitende Rückgang an Mitgliedern und Mannschaftsmeldungen bereitet einem natürlich Sorgen. Jeder Abgang von Spielerinnen, Spielern oder Mannschaften ist, unabhängig von der Liga oder Spielstärke, ein Verlust sowohl menschlich als auch sportlich betrachtet. Als eine der schnellsten Sportarten der Welt nimmt das Tischtennis leider immer noch eine Randfunktion ein, weil die mediale Präsenz und Vermarktung sicherlich Steigerungspotenzial besitzen. Insbesondere den Kindern und Jugendlichen müssen neue Horizonte eröffnet werden, eingebettet in ein funktionierendes ganzheitliches Ökosystem. Konkret gemeint ist damit die Verbindung von Training, Wettkampf sowie gemeinsamer Events außerhalb der Sportart und damit die Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls.

MR: Ich denke, sowohl der Verband als auch die Vereine müssen versuchen, mehr in die Öffentlichkeit zu kommen. Jegliche Aktionen müssen mit guter Öffentlichkeitsarbeit begleitet werden. Wir müssen als funktionierende Sportart im Leben wahrgenommen werden. Auch genügt es nicht mehr, nur Trainingsmöglichkeiten anzubieten – es gehören für unsere Jugendlichen auch gesellschaftliche Veranstaltungen dazu.

Die Nachwuchsarbeit nimmt zweifelsohne – wie in jeder Sportart – einen zentralen Stellenwert ein. Was sind die Charakteristika einer soliden Nachwuchsarbeit?

JS: In erster Linie geht es, wie bereits erwähnt, darum, ein funktionierendes Abteilungs- und Vereinsleben nachhaltig zu etablieren. Dazu gehört das ständige Setzen von Impulsen, welche die Gemeinschaft und die Zugehörigkeit stärken. Ein weiteres Schlüsselelement ist sicherlich die angesprochene Nachwuchsarbeit. Ohne engagierte Nachwuchsarbeit keine Zukunft – meine persönliche Einschätzung hierzu. Zu den zentralen Charakteristika zählt natürlich ein leistungsorientierter Wettkampf- und Trainingsbetrieb, der unterschiedliche Leistungsniveaus abdeckt. Aber gerade persönliche Ansprechpartner, regelmäßiger Austausch sowie die aktive Einbindung der Eltern können mitunter auf eine nachhaltige Nachwuchsarbeit einzahlen. Das Entgegenbringen einer besonderen Wertschätzung sollte zudem über allem stehen.

MR: Eine nachhaltige Nachwuchsarbeit ist sicher eine der größten Herausforderungen eines Vereins. Der Erfolg im Jugendbereich hängt ganz entscheidend an den Ehrenamtlichen, die in dem Bereich arbeiten. Ich konnte es schon mehrfach erleben, dass Jugendabteilungen in einem Verein mit einer Person als Jugendleiter oder Trainer sehr groß und erfolgreich wurden, aber auch sehr schnell wieder von der Bildfläche verschwunden sind, sobald diese Person mit der Tätigkeit aufgehört hat. Das ist sehr schade. Aber es ist extrem schwer, immer einen Personenkreis zu haben, der sich engagiert und auch noch den notwendigen guten Draht zu den Jugendlichen hat. Es darf auch nicht alles an einer einzigen Person hängen. Dann ist eben auch die gute Stimmung unter den Aktiven eines Vereins wichtig. Wenn es hier stimmt und jeder gerne im Verein ist, dann engagiert man sich auch gerne für den Verein. Und dann braucht es da noch die Wertschätzung. Wenn Ehrenamtliche sich engagieren, müssen sie auch Wertschätzung erfahren. Hier krankt es noch in vielen Bereichen. Engagement wird zu sehr als selbstverständlich angesehen. Dabei ist es ein immer seltener werdendes Gut. Aber ich sehe den VfL Oberjettingen in diesen Bereichen auf einem sehr guten Weg und wünsche dem Verein, dass die Entwicklung immer weiter in die richtige Richtung geht.

Besitzt die vermeintliche Randsportart Tischtennis im Verdrängungswettbewerb mit Sportarten wie Fußball oder Handball überhaupt eine realistische Chance?

JS: Naja, wenn es diese realistische Chance nicht gibt, würden wir heute nicht zusammensitzen und uns darüber unterhalten, inwiefern Tischtennis attraktiver gestaltet werden kann. Ich selbst bin kein Freund davon „gegen“ andere Sportarten zu wettern. Vielmehr sollten sich die unterschiedlichen Sportarten, egal ob Outdoor oder Indoor, in gemeinsamen Kampagnen dafür einsetzen, das Vereinsleben langfristig zu stärken. Unser gemeinsamer Nenner ist doch immer noch die Bewegung und die Gesundheit unserer Mitglieder und letztlich die Gemeinschaft. Insofern bin ich davon überzeugt, dass weitere Potenziale im Bereich der Nachwuchsarbeit nur Sportart-übergreifend gehoben werden können.

MR: Kinder werden in erster Linie von „coolen“ Sportarten angezogen. Cool meint hier, es ist etwas geboten. Ein kleiner Baustein für uns wäre, wenn wir alle mehr Action in unserem Sport zulassen würden. Aber es ist doch so, dass während eines Punktspiels keiner einen Mucks machen darf und gleich angeraunzt wird, wenn er einen Ton von sich gibt. Das ist für Zuschauer total langweilig und absolut unattraktiv für Leute, sich diesem Sport anzuschließen.

Was zeichnet den VfL Oberjettingen als Verein und speziell in der Abteilung Tischtennis aus und wie positioniert sich der Verein in der Jugendarbeit?

JS: Wir beim VfL Oberjettingen leben Solidarität und Gemeinschaft über die einzelnen Abteilungen hinweg. Trotz oder gerade wegen der Corona-Krise werden ständig neue Aktivitäten sowie Aktionen angeboten, selbstverständlich unter Einhaltung aller gültigen Hygieneregelungen. So konnte beispielsweise zum Ende März bereits die zweite Auflage von „VfL Intern“, dem Informationsheft des VfL Oberjettingen, verteilt werden. In der Abteilung Tischtennis sind wir sehr auf Harmonie und ein funktionierendes Miteinander bedacht. Für unsere Jugendarbeit setzen wir auf ein nach Leistungsstufen gestaffeltes Trainingskonzept, welches von zwei Hauptübungsleitern organisiert wird. Abgerundet wird dies durch den Einsatz des neuen Ballroboters „Amicus Prime“, einem High-Tech-Gerät der Marke Butterfly. Daneben setzen wir auf eine langjährig erprobte Schulkooperation, eine vereinsinterne Ballsportgruppe sowie abteilungsinterne Gruppenevents wie z. B. Grillfeste, Klettern im Hochseilgarten oder Radtouren. In Zeiten von Corona haben wir das Jugendtraining durch ein alternatives Outdoor-Bewegungsprogramm ersetzt. Dies kam ebenfalls sehr gut an.

Wie kann man sich in der Praxis eine funktionierende Koexistenz der vielen Sportarten vorstellen?

JS: Beim VfL Oberjettingen wird, wie eben erwähnt, gemeinsam am Erhalt der erfolgreichen Nachwuchsarbeit gearbeitet. Innerhalb einer Ballsportgruppe werden so regelmäßig unterschiedliche Sportarten vorgestellt, sodass die Kinder und Jugendlichen ihre individuelle Präferenz festlegen können. Dabei steht insbesondere die Bewegung im Vordergrund. Außerdem sind weitere Aktionen geplant, die auf die Einbindung aller angebotenen Sportarten abzielen, beispielsweise eine Sportolympiade. Dadurch werden nicht die einzelnen Abteilungen in den Vordergrund gestellt, sondern die Kinder und Jugendlichen.

Abschließend noch eine Frage zum Umgang mit der aktuellen Situation: Wie können kleine bis mittlere (Tischtennis-)Vereine gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen?

JS: Die weiterhin anhaltende Corona-Krise belastet das Vereinswesen natürlich extrem. Dennoch müssen wir uns alle ins Gedächtnis rufen, dass Vereine gerade für den gesellschaftlichen Zusammenhalt unverzichtbar sind. In Zeiten der anhaltenden sozialen Distanzierung nehmen (Sport-) Vereine eine ganz zentrale Rolle ein, weshalb die Aufrechterhaltung der Verbindung zu den Mitgliedern über verschiedene Kanäle maßgeblich ist. Daraus erwächst aber auch eine unfassbar große Chance für das Vereinswesen in Deutschland. Sobald das alltägliche Leben wieder in einigermaßen normalen Bahnen verläuft, werden die kreativen Ansätze den Erfolg zeigen. Der Drang nach Gemeinschaft und engem Zusammenhalt wird größer denn je sein. Gerade da besteht die Chance, als Verein nachhaltig zu wachsen und der sozialen Verantwortung mehr als gerecht zu werden.

Bericht und Titelbild:  Janick Schache | VfL Oberjettingen    Foto 2: Volker Arnold

Schiedsrichterinnen im Einsatz bei den TTBW EM Jugend 2019

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