Wettkampfsport

Foto: Volker Arnold

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Qianhong "Hongi" Gotsch

Aus der Bundesliga nicht wegzudenken

Getreu dem Motto „Alter schützt vor Leistung nicht“ geht Qianhong Gotsch nunmehr in ihre 25. Saison bei der SV Böblingen, die Anfang September mit der Pokalqualifikation in Berlin ihren Pflichtspielauftakt findet. Als weiterhin unangefochtene Nummer eins und wichtige Leitfigur im SVB-Team hofft die ehemalige Europameisterin in der dann beginnenden Bundesliga-Saison auf eine Play-Off-Platzierung mit ihrem Team. Thomas Holzapfel traf die 51-jährige zum Sommerinterview.

Redaktion: Mit welchem Gefühl und in welchem Trainingszustand geht es in Ihre Jubiläumssaison mit der SVB?

Qianhong Gotsch: Oh, das mit den 25 Jahren hatte ich gar nicht im Blick, aber es stimmt, ich habe 1991 in Böblingen angefangen und zwischendurch war ich fünf Jahre in Betzingen. Nicht wegen des Jubiläums, sondern eher wegen des Corona-Virus fühlt sich das Ganze irgendwie sonderbar an. Durch die Zwangspause wurde das Training längere Zeit unterbrochen, aber solche Pausen hatte ich auch schon während meiner Schwangerschaften. Insofern wird es mit dem Tischtennis schon wieder klappen.

Redaktion: Rückblickend auf Ihre ersten Jahre in der Bundesliga: Was hat sich seitdem in der Liga und an deren Stellenwert verändert? Gab es in den 1990er-Jahren noch zeitweise eine Sollstärke von zwölf teilnehmenden Teams, gelang es den Verantwortlichen diesmal wieder nicht, die Liga mit der aktuellen Sollstärke von acht Mannschaften zu füllen.

Qianhong Gotsch: In der Tat ist die Entwicklung besorgniserregend. Die Ursachen des Rückgangs sind vielfältig und auch gesellschaftspolitisch begründet. Viele Leute bleiben Sportarten nicht mehr so lange treu wie früher, gerade auch in ausbildungs- und trainingsintensiven Sportarten. Der Stellenwert der Liga war früher erheblich größer. Anfang der 1990er-Jahre gab es die positiven Auswirkungen der Roßkopf-Fetzner-Weltmeisterzeit, das gab einen Schub bei den Vereinseintritten, aber auch bei Sponsoren und Medien. Auch im Zuschauerschnitt bei den Spielen machte sich dies deutlich bemerkbar. Speziell im Damenbereich gibt es immer weniger Mannschaften, das zieht sich durch alle Leistungsebenen. Dass wiederholt die Sollstärke nicht erreicht wird, ist traurig. Immer weniger Vereine tun sich den Stress und den Aufwand an, den eine Bundesligateilnahme mit sich bringt. Dabei geht es nicht nur um verfügbare Spielerinnen oder Sponsorengelder, auch der Anteil der Funktionäre und deren ehrenamtliches Engagement spielen dabei eine große Rolle. Immer weniger Menschen lassen sich für diese aufwändige Arbeit über einen längeren Zeitraum begeistern. 

Redaktion: Wie stellte sich das Tischtennisleben seit Beginn der Corona-Zeit bei Ihnen dar?

Qianhong Gotsch: In der Zeit, als kein Tischtennis gespielt werden konnte, hielt ich mich mit Krafttraining, am Ergometer oder beim Radfahren in der Natur fit. Zuhause habe ich mir mal den Spaß gemacht, den Esstisch auf der Terrasse für das Tischtennis umzubauen und mit Sohnemann Timo ein paar Ballwechsel zu absolvieren. Das Geklickere war natürlich nicht ganz ernst zu nehmen. Vor einigen Wochen konnte dann in Böblingen wieder im dosierten Umfang trainiert werden, natürlich unter Einhaltung der strengen Kriterien. Anfangs spielte ich mit Florian Bluhm von Zweitligist Neckarsulm, inzwischen stehen wieder alle weiteren Trainingspartner und die Teamkolleginnen zur Verfügung und wir bereiten uns gemeinsam auf die kommende Saison vor.

Redaktion: Für Außenstehende ist es immer wieder beeindruckend, wie Sie es schaffen, trotz Ihres reiferen Alters noch internationale Topspielerinnen und die Besten der Liga in die Schranken zu weisen. Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Qianhong Gotsch:
Viel begründet sich durch meine Spielweise, die es so ja kein zweites Mal gibt. Für die Gegnerinnen ist es einfach ungewohnt, gegen eine Abwehrspielerin zu agieren, die auch immer mal wieder zu Gegenattacken ansetzt. Das kennen sie aus dem Training nicht. Der Vorsprung an spielerischem Niveau durch meine frühere Ausbildung in China ist ein weiterer Hauptfaktor, von der Substanz kann ich heute noch zehren. Und dann kommt noch die Erfahrung dazu.   

Redaktion:
Zusammen mit Agnes Simon, die achtzehn Spielzeiten ohne Unterbrechung im Oberhaus spielte, gehören Sie zu den Ausnahmeerscheinungen in der Liga. Simon hält mit 57 Jahren den Altersrekord einer Spielerin in der Bundesliga. Wäre es ein anzustrebendes Ziel, diesen Rekord zu brechen?

Qianhong Gotsch: Das ist wirklich kein Thema für mich und auch kein Grund, noch weitere Jahre dran zu hängen. Sollte es klappen, wäre es nett, mehr aber auch nicht.

Redaktion: Was das Böblinger Team angeht: Wie stellt sich derzeit die Personalsituation dar und mit welchem Ziel geht es in die Saison?

Qianhong Gotsch: Zuerst einmal muss man sagen, dass wir recht entspannt in die Saison gehen können, da es ja in diesem Jahr ja wieder einmal keinen Absteiger zu ermitteln gilt. Insofern streben wir einen Platz unter den ersten Sechs an, damit wir in der Play-Off-Runde noch dabei sind. Neben mir werden wohl hauptsächlich unsere Japanerin Mitsuki Yoshida, die beiden jungen Kaufmann-Schwestern und Rosi Behringer nach ihrer Schwangerschaft an den Start gehen. Auf Xu Yanhua können wir wohl nur im Notfall zählen, da sie zuletzt Knieprobleme hatte.

Redaktion: Welches spielerische Potenzial steckt im Team?

Qianhong Gotsch: Bei Mitsuki und mir geht es hauptsächlich darum, das spielerische Niveau zu halten. Das größte Potenzial hat sicherlich Annett Kaufmann. Was sie mit ihren 14 Jahren schon kann, ist beeindruckend. Nicht nur von der Technik her, auch hinsichtlich Spielverständnis und Einsatzwille. Sie kann es bei optimalem Verlauf weit bringen.

Redaktion: Ihre Teamkolleginnen merken immer wieder an, dass es großen Spaß macht, Sie im Team zu haben und dass Sie eine unverzichtbare Leitfigur sind. Alexandra Kaufmann nennt Sie eine „coole Socke“. Wäre die SVB ohne Sie bundesligatauglich?

Qianhong Gotsch: Es bereitet mir immer wieder große Freude, mit jungen Teamkolleginnen zusammen zu spielen und diese auf ihrem Weg nach oben zu unterstützen. Ich denke schon, dass es für das Team schwer wäre, ohne mich ein Unentschieden in der Bundesliga zu ergattern. Die Liga wäre wohl nur machbar, wenn eine andere Nummer eins das Team anführen würde.


Redaktion: Bevor es so richtig mit Tischtennis losgeht, wie verbringt die Familie Gotsch den Sommer?

Qianhong Gotsch: Unseren Urlaub in Italien haben wir auf Grund der ungewissen Lage nicht realisiert. Über zwei Landesgrenzen zu fahren und täglich die Nachrichten nach den Fallzahlen und möglichen, neuen Konsequenzen überprüfen zu müssen, war uns das einfach nicht wert. Es gibt hier so viele schöne Ecken, die man mit Tagesausflügen erreichen kann. Es kommen auch wieder Jahre mit anderen Urlauben, dieses Jahr halt nicht. Die Schwäbische Alb ist auch sehr schön.

Das Interview führte Thomas Holzapfel. Fotos: Volker Arnold

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