Wieland Speer wurde im Juni in Villingen zum neuen Vizepräsidenten (VP) Sportentwicklung von Tischtennis Baden-Württemberg (TTBW) gewählt. Sein Präsidiumskollege Hubert Röderer, VP Öffentlichkeitsarbeit, sprach mit ihm über Ziele und Inhalte seines Ressorts.
Sportentwicklung ist – pardon! - ein etwas sperriger Begriff. Wofür steht er denn? Was ist damit gemeint?
Sportentwicklung bedeutet im Kern nichts anderes als die strategische Zukunftsplanung des Sports. Es ist der Versuch, Sportangebote, Vereine und Sportstätten - Hallen, Plätze, Parks - so zu gestalten und zu verändern, dass sie zu den aktuellen Bedürfnissen der Menschen passen.
Es geht dabei also hierbei nicht darum, den Spitzensport zu fördern, sondern den Tischtennissport auf eine breite Basis zu stellen und ihm auch neue Mitglieder zuzuführen?
Du hast den Nagel auf den Kopf getroffen. In der klassischen Sportentwicklung liegt der Fokus ganz klar auf dem Breitensport und der Sportförderung für alle, nicht primär auf der Jagd nach Goldmedaillen oder dem Hochleistungssport. Es geht darum, möglichst viele Menschen an die ‚Platte‘ zu bekommen – egal ob Kinder, Hobbyspieler oder Senioren.
Wer ist in erster Linie gefordert?
Die Städte und Gemeinden als ‚Ermöglicher‘ und die Vereine als Umsetzer. Die Stadt ist meistens der Hauptakteur, weil sie die Schlüssel in der Hand hält: Ihr gehören in der Regel die Turnhallen, Sportplätze und Parks. Die Vereine sind in erster Linie inhaltlich gefordert, sich zu bewegen. Das ist oft der ‚schmerzhafte‘ Teil der Sportentwicklung, denn es erfordert ein Umdenken. Ein klassischer Tischtennisverein muss bereit sein, vielleicht auch mal Kurse für Nicht-Mitglieder anzubieten oder mit einer Ganztagsschule zu kooperieren, statt sich nur auf den Ligabetrieb am Freitagabend zu konzentrieren. Wenn die Bevölkerung älter wird, muss der Verein vielleicht ‚Gesundheitssport mit Tischtennis‘ anbieten, statt nur auf Jugendförderung zu setzen.
Ich picke mir ein paar denkbare Aktionen heraus und beginne mit Outdoor-Tischtennis: Was kann da gemacht werden? Und, vor allem, von wem?
Ein Aufkleber des Vereins, natürlich abgestimmt mit der Stadt, auf dem Tisch: ‚Dir macht das Spielen hier Spaß?‘ Oder: ‚Komm doch dienstags ins Training beim TTC Musterstadt – erstes Training kostenlos!‘ Oder Link zu einer App, wo sich Spieler verabreden können. Oder der Vereinstrainer geht einmal im Monat für zwei Stunden in den Park und bietet kostenlose Tipps für Freizeitspieler an. Wenn der Tischtennis-Tisch auf einem Schulhof steht, organisiert der Verein in der großen Pause ein Rundlauf-Turnier. Oder er stellt ein Sommerfest-Turnier für Nicht-Vereinsspieler direkt im Park auf die Beine. Übrigens: Wir planen gemeinsam mit dem DTTB und anderen Landesverbänden am 1. Mai 2026 mehrere große TT-Outdoor-Aktionen. Termin bitte schon mal vormerken!
In Reutlingen war 2025 ein Rundlauf-Rekordversuch geplant, dieser fiel aber dem Regen zum Opfer. Bald soll es einen neuen Anlauf geben. Empfiehlst du ein derartiges Event auch den Vereinen im Verband?
Nein, das empfehle ich nicht. Ich würde den Vereinen eher raten, aufmerksam und aufgeschlossen zu sein für jegliche TT-Aktivitäten in ihrem Umfeld und mit diesen Personen in Kontakt zu treten, um gemeinsam davon zu profitieren.
Was kann seitens des Verbandes, der Vereine hinsichtlich des Schulsports geleistet werden?
Der TTBW kann nicht in jede Turnhalle gehen, aber er muss den Lehrern, Betreuern und Vereinen die Werkzeuge geben, damit Tischtennis in der Schule überhaupt stattfindet und Spaß macht. Der Verein muss dafür sorgen, dass aus Schülern Tischtennisspieler werden, indem er dort hingeht, wo es ‚wehtut‘: in den vormittäglichen Schulalltag oder den späten Nachmittag der Ganztagsschule.
Ganztagsbetreuung in den Schulen: Wie können sich die Vereine da einbringen?
Der Verein könnte beispielsweise einmal wöchentlich für 90 Minuten Tischtennis anbieten. Wichtig: Dies ist kein reines Leistungstraining, sondern eher ein spielerisches Bewegungsangebot à la ‚Rundlauf-AG‘ oder ‚Ballschule‘. Oder der Verein stellt für die große Mittagspause jemanden ab, der Material ausgibt und kleine Spiele anleitet. Das sorgt für enorme Sichtbarkeit auf dem Schulhof.
Kann es sich für die Vereine auch wirtschaftlich lohnen?
Wirtschaftlich gesehen, ist die Ganztagsschule für Vereine vor allem ein Mittel zum Zweck, um Personal-Stellen zu schaffen, etwa für FSJ‘ler oder Teilzeit-Trainer, die den Verein professionalisieren. Wer sich dem Ganztag verweigert, spart zwar kurzfristig Aufwand, trocknet aber langfristig eine wichtige mögliche Nachwuchs-Quelle aus.
Wie hilfreich ist die Idee, Lehrer/innen zu niederschwelligen Fortbildungen ins Training einzuladen?
Einen Versuch ist es wert. Grundsätzlich ist die Kontaktaufnahme mit Lehrern hilfreich, um Tischtennis ins Gespräch zu bringen, damit sie sehen, wie einfach das Spiel mit dem kleinen Ball auf dem Schulhof oder im Klassenzimmer eingebunden werden kann.
Kooperation mit Kitas: Wie tauglich kann das sein?
Sehr tauglich, aber indirekt. Ein vierjähriges Kind kann in der Regel noch keinen Ballwechsel über ein Netz auf einem 76 Zentimeter hohen Tisch spielen. Die Motorik und die Körpergröße geben das meist noch nicht her. Also weg vom Standard-Tisch! Der Boden ist dann der Tisch. Oder Rollnetze einsetzen, die man an Bastel-Tische klemmen kann. Luftballons sind hilfreich, und als Personal ist eher der Animateur als der Techniker geeignet. Es geht eher um Werfen, Fangen, Rollen, Prellen, Pusten, weniger um Schlagen - und vor allem geht es um Spaß.
Gesundheitssport für alle Altersgruppen: Was können Tischtennis-Vereine diesbezüglich leisten?
Sie müssen ihre ‚Wettkampf-Brille‘ absetzen. Ein Gesundheitstrainer muss nicht wissen, wie man einen perfekten Topspin zieht. Er muss wissen, wie man die Belastung steuert, damit niemand mit Herzrasen umkippt, und wie man eine Gruppe sozial moderiert. Senioren oder Reha-Patienten brauchen oft Tische mit mehr Halt (nicht wackelig), bessere Beleuchtung und rutschfeste Böden. Gesundheitssport findet oft vormittags oder im frühen Abendbereich statt, nicht spät abends zur ‚Prime Time‘ der 1. Herrenmannschaft. Fazit: Wenn ein Verein sich zum ‚Gesundheitsdienstleister‘ entwickelt, erschließt er sich eine neue Zielgruppe, die bereit ist, für Qualität zu zahlen, und die den Verein langfristig stabilisiert, wenn die wettkampforientierte Jugend mal ausbleibt.
Über Mini-Meisterschaften lassen sich Jungen und Mädchen gewinnen, die bislang keinen Zugang zum Tischtennis hatten. Gibt es Fristen zu beachten? Und wie können Vereine die Meisterschaft managen?
Im TTBW können bis zum 31. März Ortsentscheide ausgetragen werden, da wir keine Kreisentscheide haben. Einfach eine Regiebox beim Ressortleiter Breitensport im jeweiligen Bezirk anfordern, dann lesen, was dort drin steht - und durchführen.
Welche Chance bietet die Aktion ‚TTBW on Tour‘, um neue, junge Mitglieder zu gewinnen?
Die Aktion ist im Grunde eine rollende Werbeagentur für den Tischtennissport. ‚TTBW on Tour‘ nimmt dem Verein die schwere Arbeit ab, Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die Chance besteht darin, mit minimalem organisatorischem Aufwand eine riesige Zahl an Kindern an einem Vormittag zu erreichen, die man sonst nicht in die Halle bekommen hätte.
Dorfmeisterschaften für Nicht-Tischtennisspieler, Firmenturniere: Was können Vereine sonst noch leisten?
Wenn ein Verein heute auffallen und neue Zielgruppen, vor allem Jüngere oder komplette Laien, begeistern will, muss er den Erlebnis-Faktor erhöhen und die technische Hürde senken. Tischtennis hat nämlich für Anfänger ein Problem: Wer Schnitt, also ‚Spin‘, nicht versteht, ist vielleicht frustriert. Einige kreative Formate, die diese Barrieren einreißen und den Spaß-Faktor in den Mittelpunkt stellen: Blacklight- oder UV-Turniere, Brettchen-Turnier oder Click-Ball, 4er-Tisch, Ladies-Night oder Girls-Day, Pfannen-Turniere oder Team-Rundlauf-Cup.
Jüngere Vereinsfunktionäre sind eher in den Sozialen Medien unterwegs: Wie können diese für die Mitgliedergewinnung genutzt werden?
Beispielsweise könnte jede Woche ein anderer Jugendlicher den Instagram-Account des Vereins für einen Tag übernehmen und das Training aus seiner Sicht zeigen. Das wirkt authentisch.
Hat ein Verein eine Idee, weiß aber nicht so recht, wie er diese umsetzen soll: Kann er sich dann an den Verband wenden?
Ja klar, jederzeit. Gerne auch an mich direkt per E-Mail: wieland.speer@ttbw.de
Danke für das Gespräch, Wieland!


