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Interview mit dem Vizepräsidenten Jugendsport, Matthias Grünenwald

„Jeder Verein sollte sein Augenmerk auf eine gut funktionierende Jugendarbeit legen!“

Matthias Grünenwald ist 48 Jahre alt. Beruflich ist er selbständig in der Immobilienbranche tätig. Seit 30 Jahren engagiert er sich als Jugendcoach, überdies seit 25 Jahren als Abteilungsleiter/1. Vorstand des TSV Untermberg, Abteilung Tischtennis, sowie des TTC immoXone Bietigheim-Bissingen. Matthias Grünenwald wurde Anfang November außerdem zum neuen Vizepräsidenten Jugendsport des Verbandes TTBW gewählt, das Amt hatte er zuvor bereits einige Zeit kommissarisch inne. Hubert Röderer, Vizepräsident Öffentlichkeitsarbeit, sprach mit ihm.

Dang Qiu, Annett Kaufmann, Kay Stumper: All diese aktuellen deutschen Nationalspieler haben starke baden-württembergische Wurzeln. Sind diese drei gerade deshalb so gut geworden, weil in Baden-Württemberg die Trainingsqualität besonders hoch und der Tischtennissport besonders stark verbreitet ist?
Ich denke, dass Ba-Wü viel von sehr gut organisierten Vereinen und ehrgeizigen Eltern profitiert hat. Man sollte sich als Ba-Wü glücklich schätzen, dass die drei viele Jahre unseren Verband repräsentiert haben, aber man sollte sich nicht anmaßen, die Erfolge der drei sich selbst zuzuschreiben. Im Leistungssport ist aus meiner Sicht ein großer Nachholbedarf, den wir mit einer neuen Idee nun versuchen zu verringern. Ich hoffe sehr, dass uns das gelingt, da hier sehr viel Geld drinsteckt und man das nun endlich auch an Erfolgen sehen sollte, die nicht nur auf tollen Familien und Vereinen basieren. Wir müssen in diesem Bereich wieder deutlich besser werden.

Mit viel vielen Jahren haben diese drei denn mit dem Tischtennis begonnen?
Bei Annett weiß ich es natürlich ganz genau. Sie hat ja schließlich bei uns das Spielen gelernt. Im Alter von vier Jahren stand sie erstmals am Tisch – bereits hier war ihr Ausnahmetalent deutlich sichtbar. Wir sind sehr stolz, was aus ihr geworden ist und dass wir vom TTC acht Jahre lang diesen Weg begleiten durften.

Und wann hatten die drei genannten Talente wohl zum ersten Mal Berührung mit einem Bezirks- oder Verbandstraining? Oder ist es eher so, dass sie vor allem im heimisch-familiären Umfeld Personen hatten, die mit besonders viel Tischtennis-Know-how ausgestattet sind?
Ich denke, dass alle drei sehr früh in den Fokus gerückt sind. Ich weiß aber auch, dass gerade bei Dang und Kay die Eltern sehr viel im Training gemacht haben, da sie ja alle aus der TT-Szene kommen. Ich denke, eine Fachkompetenz im elterlichen Zuhause, wie die beiden es vorgefunden haben, ist nicht alltäglich. Wir in der ARGE, der Arbeitsgemeinschaft zusammen mit dem Badischen Tischtennisverband, müssen es wieder hinbekommen, die Kinder so entsprechend zu fördern, dass sie auch ohne dieses Elternhaus eine Entwicklung zum Nationalspieler nehmen können.

Was ist deiner Meinung nach das beste Alter, um mit Tischtennis zu beginnen?
Eine schwere Frage. Grundsätzlich ist eine spielerische Heranführung an unseren Sport das Wichtigste. Kinder müssen die Begeisterung und die Liebe zu dem Sport entfachen. Ob das dann mit vier, fünf oder sechs geschieht, ist wahrscheinlich egal.

Und wie oft sollte gleich von Anfang an pro Woche gespielt werden?
Natürlich ist mehr immer besser. Aber gerade bei kleinen Kindern ist das Thema oft, dass sie gerne die Lust verlieren, wenn sie zu oft hintereinander das Gleiche machen. Annett zum Beispiel war aufgrund des Trainings ihrer älteren Schwester sehr häufig in der Halle und hat dann auch aktiv daran teilgenommen. Manchmal war sie auch nur mit Bällesammeln beschäftigt – aber sie war dabei. Das war immer wichtig, und sie hat relativ schnell Ehrgeiz entwickelt, der sie immer häufiger an den Tisch getrieben hat. Das war schon erstaunlich.

Hat jemand – ob das Kind selbst oder die Eltern - echte sportliche Ambitionen: Wie oft sollte dann mit etwa zehn Jahren das Training besucht werden?
Mit zehn Jahren und sportlichen Ambitionen sollte dann schon fast täglich trainiert werden. Aus meiner Sicht lässt sich das auch einrichten. Wichtig ist weniger der Aufwand des Trainings, sondern der Aufwand für das Training. Ich bin ein großer Gegner von weiten Fahrtstrecken. Wenn ein Kind für ein zwei- bis dreistündiges Training die gleiche Zeit im Auto sitzt, stimmt der Aufwand nicht mehr. Eine effektive Zeitnutzung ist ganz wichtig – gerade auch angesichts der schulischen Herausforderungen, die ja auch gemeistert werden müssen. Dann sind auch die Vereine, aber auch der Verband gefordert, Lösungen zu finden. Das ist die Schwierigkeit – erst recht dann, wenn die Familie eher in der ländlichen Region wohnt.

Viele Kinder sind mit acht, neun Jahren mehrgleisig unterwegs, manche spielen zudem noch im Verein Fußball, gehen zum Reiten oder lernen in der Musikschule ein Instrument. Wie lange ist diese Mehrgleisigkeit auf Dauer durchzuhalten – oder sinnvoll?
Viele Kinder probieren gerne viel aus. Oft haben die Eltern dann auch den Wunsch der parallelen musikalischen Förderung. Ich als Trainer sage immer, dass es anfangs sicherlich kein Problem ist mit Tischtennis als Zweitsportart. Dann gilt es, die Kinder und auch die Eltern davon zu überzeugen, dass sie bei uns besser aufgehoben sind. Das gelingt immer wieder und sollte auch unser Ansporn sein, uns gegenüber anderen Sportarten und deren Vereine durchzusetzen. Wir in Bietigheim-Bissingen haben dabei sehr gute Erfahrungen gemacht, auch wenn natürlich nie jedes Kind am Ende beim Tischtennis landen wird. Dieser Gefahr muss man sich
immer bewusst sein. Aber auch hier gilt: Wer es nicht versucht, hat schon verloren. Wenn es dann in den Leistungssportbereich übergeht, dann sind sicherlich Entscheidungen notwendig.

Zuletzt standen die Bezirksmeisterschaften an, jetzt liefen die ersten Bezirksranglistenturniere: deine Empfehlung an Eltern und Trainer?
An die Kinder und Eltern: spielen, spielen, spielen! An die Trainer: anmelden und Zeit nehmen zum Coachen und Kümmern!

Aufs Verbandsgebiet verteilt, gibt es für die ganz besonderen Talente mehrere Stützpunkte: Sind diese personell und finanziell gut ausgestattet, um dauerhaft junge Spitzenspieler zu formen? Und wie könnten auf breiter Front noch mehr Top-Talente in Baden-Württemberg gefördert werden?
Wie bereits erwähnt, bin ich mit den aktuellen Strukturen unserer Stützpunkte nicht glücklich. Es stimmt an so vielen Ecken nicht, und man muss dringend Veränderungen in Gang setzen. Es fängt bei dem Thema Talentsichtung an, geht über die Förderung im Bezirk und Stützpunkt, bei dem es aus meiner Sicht viel zu große und zu heterogene Gruppen sind, bis hin zu unseren Topspielerinnen und Topspielern im U19-und teilweise U15-Bereich, für die wir kein gutes Training anbieten. Wir brauchen Veränderungen. Dazu wurde auch schon ein Team aus der ARGE gebildet, mit Sportdirektorin Martina Schubien, Trainer Frank Fürste, dem Baden-Jugendchef Roland Köhler und mir. Wir nehmen dieses Thema in Angriff.

In vielen Vereinen schlummern zweifelsohne gute bis sehr gute Nachwuchsspieler, doch oft mangelt es an der Trainerqualität – zu wenig oder zu mäßig ausgebildet die Übungsleiter. Lässt sich an diesem Dilemma etwas ändern?
Ja, das ist leider eine der größeren Problematiken in unseren Vereinen. Das Ehrenamt zu besetzen wird immer schwieriger. Ich denke auch, dass unsere Vereine hier einen Mix aus ehrenamtlichen Trainern und bezahlten Trainern schaffen müssen. Wenn die Balance stimmt, ist das durchaus finanziell stemmbar. Und es hilft bei der Vereinsentwicklung und Talentförderung definitiv weiter. Jeder Verein sollte sein Augenmerk auf eine gut funktionierende Jugendarbeit legen – nur so kann er die Zukunft absichern. Wir als Verband müssen an der Basis mehr unterstützen, aber die Hauptlast trägt natürlich weiterhin jeder Verein für sich selbst.

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