Zum Inhalt springen

Hintergrundberichte   Pressemitteilung  

Serie „Menschen in TTBW“ (25): heute Peter Stellwag, früher SSV Reutlingen und TTC Frickenhausen

Der Tischtennis-Ästhet aus Bad Cannstatt

Foto (Grossguth): Deutscher Pokalsieger mit dem SSV Reutlingen

Wer ist der beste baden-württembergische Tischtennisspieler aller Zeiten? Schwierig zu sagen. Momentan, und das schon seit geraumer Zeit, ist es gewiss Dang Qiu, Einzel-Europameister von 2022 und, seit Anfang Juni, abermals Deutscher Einzelmeister. Ein Spieler, der auch aufgrund seiner für Europa untypischen Schlägerhaltung – Penholder – für Furore sorgt.

Und in früheren Zeiten? Hört man sich in der Tischtennisszene um, fällt immer noch häufig der Name Peter Stellwag. Zwischen den beiden liegen rund vier Jahrzehnte an Lebensalter, und dennoch verbindet sie eine ganze Menge, man denke nur an den Umstand, dass die beiden mal, mag das auch schon Jahre her sein, über einen längeren Zeitraum hinweg zusammen trainiert haben: in Frickenhausen. Der damaligen Trainingsgruppe gehörte auch Dangs älterer Bruder Liang an. Das war 2009, Dang war gerade mal 12 oder 13, also noch ein Teenager, aber hoch talentiert – und Peter Stellwag bereits über 50, seine große Karriere ließ er seinerzeit in der 2. Mannschaft des TTC Frickenhausen in der Regionalliga ausklingen. „Immer mittwochs“, erinnert sich der Tischtennis-Altmeister noch gut, habe er sich im Training auch mit den beiden Talenten gemessen. Beide, wie er, aus der Region stammend, Dang und Liang aus Nürtingen, er gebürtiger Stuttgarter, genauer: Bad Cannstatter.

17 Jahre ist das schon wieder her, für Peter Stellwag sind die Bande zum Tischtennis deutlich lockerer geworden. Nein, er spiele den einst so innig gepflegten und geliebten Sport nicht mehr, an dessen Stelle sei längst das Tennisspiel getreten. Einmal pro Woche, sagt er, jage er im Training beim TEC Waldau der gelben Filzkugel nach, trete auch noch bei Verbandsspielen an, in der Regionalliga, Altersklasse 65. Zudem schwinge er gelegentlich zusammen mit seiner Frau Judith den Golfschläger: „Das macht uns einfach Spaß.“ Sie spiele „besser als ich“.

Indes: Peter Stellwag ist noch immer lebhaft am Tischtennissport interessiert, weiß um die wichtigsten Vorgänge. Es muss einen nicht wundern, dass er seit Jahrzehnten das deutsche „Tischtennis“-Magazin abonniert hat – bis heute.

Nein, noch mehr in den Sport zu investieren, das wäre in den vergangenen Jahrzehnten aus familiären wie beruflichen Gründen nicht möglich gewesen, sagt er. Da waren zunächst die beiden Kinder Christopher, inzwischen 33, und Ann-Cathrin, 35, die beide Medizin studiert haben und auf dem besten Weg zum Facharzt sind, der Sohn zum Urologen, die Tochter zur Arbeits- und Betriebsmedizinerin. Auch sie haben früher Tischtennis gespielt, und der Vater hat sie, selbstverständlich, zu Turnieren begleitet. Sie sollten am Sport ihre Freude haben, ohne Druck zu verspüren.

Und dann, natürlich, das eigene zahnmedizinische Studium, das Peter Stellwag erfolgreich abgeschlossen hat – gleich im doppelten Sinne. Denn dabei lernte er seine Ehefrau kennen, die später noch promoviert hat. Die Hochzeit war 1989. Zum eigenen „Dr.“-Titel habe es ihm selbst aus zeitlichen Gründen nicht gereicht, sagt der heute 69-Jährige: Er sei schon an der Doktor-Arbeit gesessen, als er, es war die Zeit der Seehofer’schen Gesundheitsreform, „Hals über Kopf die Zulassung als Zahnarzt beantragen musste: Ich bin dann 1992 als Juniorpartner in eine Praxis in Böblingen rein“. Judith, ein paar Jahre jünger, habe zu der Zeit gerade ihre Assistenzzeit absolviert.

Schon bald haben die beiden sich beruflich zusammengetan. Seit 1999 führen sie eine Gemeinschaftspraxis: in Leinfelden-Echterdingen, gerade mal zwei Kilometer vom Flughafen Stuttgart entfernt. Wie lange er noch beruflich tätig sein werde? „Schwer zu sagen.“ Man müsse immer in sich hineinhorchen: „Ist man noch fit?“ Zu berücksichtigen sei auch der Umstand, dass es in der Branche „ein massives Personalproblem“ gebe, überall fehle es an Mitarbeitern. Wann die beiden endgültig den Schlüssel umdrehen und in den Ruhestand gehen werden, sei offen: „Es gibt kein fixes Datum.“ Wäre natürlich schön, sagt er, wenn es für die Praxis eine gute Zukunft gäbe.

Keine Frage: Peter Stellwag war ein ganz Großer des Tischtennissports, über Jahre hinweg – weit über das Ländle, über Deutschland, hinaus. Er war mit vielen Weltklassespielern auf Augenhöhe. Und er war, was vielen Zuschauern noch viel wichtiger war, ein Ästhet. Einer, der in der Lage war, höchstelegante Ballwechsel zu kreieren: „Ich weiß, das war schon schön fürs Auge.“ Ja, er sei nicht der „Killertyp“ gewesen, der mit brachialer Gewalt die Punkte holen wollte, sondern ein Spieler, der sehr kontrolliert Topspins spielte, auch gerne aus der Halbdistanz, und der, wissen viele noch gut, auch glänzend zu platzieren vermochte. Als er 2009 den Schläger an den Nagel hängte, hatte er rund vier Jahrzehnte Tischtennis auf hohem bis höchstem Niveau hinter sich.

Und alles hatte Anfang der 60er-Jahre begonnen: „Ich war sechs oder sieben.“ Im Freibad in Fellbach stand eine Tischtennisplatte. Er sei „als kleiner Kerl“ dabei gewesen, die Umstehenden hätten aber offenbar rasch gemerkt: „Der ist gar nicht schlecht.“ Der SV Fellbach (Rems-Murr-Kreis) wurde dann sein erster Verein. Es folgte der GV Sommerrain, in Bad Cannstatt ansässig: „Der hatte damals eine tolle Jugendarbeit“ – auch dank eines rührigen Jugendleiters namens Dr. Gnad. Es sei eine gewisse Faszination entstanden: „Fast täglich haben wir Tischtennis gespielt.“ Rasch stellten sich die ersten Erfolge ein: „Dann bleibt man auch gerne dabei. Man möchte die Dinge ausreizen.“

Mit 14, die Kurve zeigte klar nach oben, stand Peter Stellwag am sportlichen Scheideweg: Sollte er zu den Stuttgarter Kickers wechseln oder zum SSV Reutlingen? Er ging nach Reutlingen, er, der junge Gymnasiast. Bei Manfred Grumbach - eine Institution im Tischtennis-Land - bezog er eine kleine Wohnung – und nahm den Leistungssport an. „Zwischen meinem 15. und 21. Lebensjahr erlebte ich eine ganz besonders intensive Phase.“ Mindestens viermal die Woche habe er trainiert. Die Reutlinger Zeit: Sie dauerte von 1971 bis 1990 und war die beste in Peters Stellwags Tischtennis-Ära. Später folgten noch der TSV Milbertshofen (bis 1992) und Frickenhausen.

Beeindruckend seine Erfolgsbilanz – und unmöglich, alle Titel und Medaillen aufzuzählen. Besonders herausragend natürlich die 121 Länderspiele, die er zwischen 1972 und der Europameisterschaft 1986 bestritt, ehe er den Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärte. In jener Zeit, sagt Peter Stellwag, sei er „250 Tage im Jahr in Sachen Tischtennis unterwegs gewesen“.

Dann, natürlich, zwischen 1973 und 1993, die 20 Jahre als Bundesligaspieler, die vier deutschen Einzel-Meistertitel (1977 in Berlin, 1979 in Rüsselsheim, 1980 in Hamburg und 1981 in Böblingen), EM-Silber im Doppel (zusammen mit Jochen Leiß), die Teilnahme an fünf Welt- und sieben Europameisterschaften, Podestplätze bei Bundesranglistenturnieren, darunter Platz eins 1981 in Berlin. Dann die zahlreichen ersten und zweiten Plätze mit Reutlingen bei den deutschen Mannschafts- und Pokalmeisterschaften. Stellwag führte von 1977 bis 1982 die deutsche Rangliste an, fünf Jahre lang. 1978 war er in Europa die Nummer 9 und 1979 in der Welt immerhin die Nummer 16. Und 1979 und 1980 belegte er beim europäischen Top-12-Turnier den höchst respektablen sechsten Platz. Die größte nationale Konkurrenz damals: Spieler wie Ralf Wosik, Engelbert Hüging, Hans-Joachim Nolten, Wilfried Lieck, Jochen Leiß, Heiner Lammers, Peter Engel.

Seine letzte große Top-Platzierung datiert von 1988. Es war der 3. Platz bei der Deutschen Meisterschaft im Doppel, an der Seite von Michael Krumtünger. Nicht zu vergessen aber auch sein 2. Platz im Einzel und Sieg im Doppel bei der Senioren-WM 1998 in Manchester: „War schön, viele Leute von früher wieder mal zu treffen.“ Doch auf Dauer, mit Beruf und junger Familie, sei ein intensives Sporttreiben fortan nicht mehr möglich gewesen. Und heute, als ehemalige Koryphäe, die gewiss vieles mitbrächte, um im internationalen Seniorensport zu reüssieren? Nein, da sei er „einfach zu weit weg“.

Es macht Laune, mit Peter Stellwag, dem zweifachen Opa, über sein Leben und seine sportlichen Erlebnisse zu plaudern. Dabei unterschlägt er auch nicht die bitteren Stunden, etwa die Viertelfinalbegegnung bei den Offenen Waliser Meisterschaften in Cardiff, als er gegen Istvan Jonyer aus Ungarn, 1975 Weltmeister, mit 2:0 Sätzen und 20:7 im entscheidenden dritten Satz führte – und noch verlor: „Da sieht man, was im Tischtennis alles passieren kann.“

Ganz tragisch für ihn das Jahr 1977: Peter Stellwag wurde im Januar erstmals Deutscher Meister - und musste verkraften, dass Hans Alser, langjähriger Trainer, Freund und Förderer, nur Stunden zuvor bei einem Flugzeugabsturz in Stockholm ums Leben gekommen war. So eng können Freud‘ und Leid beieinander liegen.

Welche Liga er sich heute noch zutrauen würde? „Schwer zu sagen“, sagt Peter Stellwag, der im kommenden September 70 wird. Um dies einigermaßen realistisch einschätzen zu können, müsste er erst mal „vier bis fünf Einheiten spielen“. Was er sich aber durchaus noch wünscht: mal wieder ein richtig großes Tischtennis-Event in Stuttgart, wie 2009 die Europameisterschaft. Und, fügt er leidenschaftlich hinzu: dass sich alle Verantwortlichen in Bund und Land dafür einsetzen, dass, egal in welcher Liga, mindestens an zwei Tischen gespielt wird – und mit mindestens „vier Mann und zwei Doppeln“. Schließlich sei Tischtennis „ein Mannschaftssport“. Und genau das sei erst recht auch für die Zuschauer reizvoll.

Das Interview führte Hubert Röderer.

YouTube: Tischtennis DM Finale Herren 1981: Zsolt-Georg Böhm vs Peter Stellwag

YouTube: Deutschen Pokalfinale 1981: SSV Reutlingen - Borussia Düsseldorf 5:3

Homepage: SSV Reutlingen Tischtennis 1975 / 1976 - Geschichte des Vereins

Mit seinem früheren Teamkollegen und Europameister Mikael Appelgren
Im Doppel mit Teamkollege Heiko Wirkner
Foto (privat): Peter Stellwag mit seiner Frau Dr. Judith Ott‑Stellwag. Sie führen gemeinsam eine Zahnarzt-Praxis.

Aktuelle Beiträge