Martin Reinauer wurde am 24. Juni 1961 in Stuttgart geboren, hat somit, wie er sagt, „die Rente dicht vor Augen“: Nach dem Realschulabschluss habe er den „wunderschönen Beruf“ des Raumausstatters erlernt, den er nach erfolgreicher Meisterprüfung immer noch ausübt, seit 1990 mit eigenem Betrieb. Reinauer lebt und arbeitet in Neuhausen bei Stuttgart. Seit 1974 sein Verein: die TTF Neuhausen. Mit Ehefrau Irene verheiratet, haben die beiden zwei erwachsene Kinder.
Hast du eine Übersicht über all deine Ehrenämter?
Aktuell bin ich außer meiner Tätigkeit als Schiedsrichter und TTBW-Ressortleiter „nur“ noch Prüfer im Gesellenprüfungsausschuss der Raumausstatter. Das mache ich auch schon über 20 Jahre, so genau weiß ich das nicht. Bevor ich 2011 in den Schiedsrichterausschuss des Verbandes gekommen bin, war ich 33 Jahre lang in verschiedenen Positionen im Verein tätig - 22 Jahre lang davon im Vorstand, zuerst als Jugendleiter, dann als Pressewart und schließlich als stellvertretender Vorsitzender.
Wie kamst du zu deinem allerersten Ehrenamt?
Der damalige technische Leiter meines Vereins hat mich angesprochen, ob ich nicht Schiedsrichter werden wolle. Schon damals konnte ich nicht „Nein“ sagen, und schon war ich dabei. Das war 1978 – da war ich zarte 17 Jahre alt und war gleichzeitig in der Jugendarbeit tätig. Da vertrat ich meinen älteren Bruder, der zu der Zeit bei der Bundeswehr war. Ich weiß gar nicht mehr, welche der beiden Tätigkeiten zuerst kam.
Wie viele Stunden investierst du ins Ehrenamt?
Oh jee, schwer zu sagen, es ist ein ständiges Auf – und Ab. Bei uns im Schiedsrichterausschuss ist nie Ruhe. Während der Saison habe ich meine eigenen Tischtennisspiele, dazwischen leiste ich meine normalen Einsätze als Schiedsrichter - von der Verbandsoberliga bis in die Bundesliga.
Ebenfalls während der Saison finden noch die Ausbildungslehrgänge statt, bei denen ich noch als Referent tätig bin. Nach der Spielrunde sind dann oft Sitzungen, Weiterbildungen und die ganzen Turniere, bei denen ich nicht selten selbst dabei bin. Der Zeitaufwand liegt zwischen zwei Stunden und zwei ganzen Tagen pro Woche.
Was ist besonders zeitintensiv?
Die Sitzungen mit dem Schiedsrichterausschuss, dem Hauptausschuss Wettkampfsport, dem Landesverbandsausschuss, zudem die Vorbereitungen von Großveranstaltungen, für die ich den Schiedsrichtereinsatz organisiere.
Was ist für dich der besondere Reiz eines Ehrenamtes?
Dinge organisieren und gestalten zu können. Und wenn der Einsatz gut war und geklappt hat, ist das auch Bestätigung für die Arbeit.
Wie spielt der Partner mit, die Familie?
Meine Frau und meine Kinder haben es nie anders erlebt. Als ich meine Frau kennengelernt habe, war ich schon längst in diversen Positionen tätig. Es kam also nie Groll auf - auch wenn meine Frau neulich mal ziemlich sauer war, weil unsere Sitzung so lange gedauert hat und sie mit dem Essen auf mich gewartet hatte.
Wie oft hast du für deine Tätigkeit schon Lob geerntet?
Lob ist selten – aber meist kommt es von meinen Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern. Die können erahnen, was dahintersteckt. Im Januar war sogar ein Kollege sehr überrascht, dass ich als Ressortleiter nur ehrenamtlich tätig bin. Er dachte, ich wäre ein Hauptamtlicher. Von Spielern kommt eher selten Lob. Wenn ein Schiedsrichter nicht auffällt, dann war er gut. Und wer nicht auffällt, bekommt selten Lob dafür. Es gibt manchmal ein Danke beim Verabschieden. Aber das ist okay. Ich möchte auch gar keinen so engen Kontakt zu Spielern.
Ein ganz bestimmtes Lob allerdings hat mich sehr gefreut: Bei den letztjährigen Einzelmeisterschaften im Para-Tischtennis in Sindelfingen, wo ich Oberschiedsrichter war, hat sich eine Spielerin für den Schiedsrichtereinsatz bedankt. Das lief runter wie Öl, denn dieser Einsatz ist immer sehr herausfordernd. Wir brauchen da rund 55 Schiedsrichter pro Tag. Das zu koordinieren ist recht aufwändig – vor allem für die Einsatzleitung.
Wie oft hattest du als Schiedsrichter schon richtig Stress – etwa weil ein Akteur an der Platte deine Entscheidung nicht akzeptieren wollte?
Das ist im Tischtennis eigentlich kaum ein Problem. Je kleiner die Bälle, desto fairer der Sport. Außerdem habe ich mittlerweile genügend Erfahrung und „mit sicherer Miene und entschlossenem Auftreten bekommt man die falscheste Entscheidung sicher durch“ - alte Schiedsrichter-Weisheit.
Du warst Anfang Januar auch beim Final Four in Ulm im Einsatz: Was für ein Gefühl beschleicht einen da, wenn man weiß, da ist der weltbeste Tischtennisspieler in der Halle und 5200 Zuschauer?
Eine Veranstaltung wie das Final Four ist das absolute Highlight einer Karriere. Ich bekomme da bei der Eröffnung und auch bei der Nationalhymne immer Gänsehaut. Davor und danach aber bin ich im Hamsterrad und habe ständig irgendwas zu tun. Von den Spielen bekomme ich als Oberschiedsrichter nicht alles mit. Ich habe da immer wieder mit den Trainern und Mannschaftsaufstellungen zu tun. Aber Fan Zhendong habe ich mir natürlich angeschaut.
Ehrlich gesagt, war ich ganz froh, dass ich dort nicht als Schiedsrichter am Tisch tätig war. Die standen nämlich ganz schön unter Druck: vor 5200 Zuschauern, mit Übertragung im Internet, über Mikrofon weltweit gehört zu werden - und dann möglichst keinen Fehler zu machen.
Apropos Schmerzgrenze: Wie oft kam schon der Gedanke: „Jetzt reicht’s!“?
Genau zwei Mal: Ich bin schon mal als Ressortleiter zurückgetreten. Das war 2018. Die Zusammenarbeit mit Teilen des damaligen Präsidiums war für mich nicht mehr tragbar. 2020 bin ich dann wieder eingestiegen. Das zweite Mal war letztes Jahr, als ich eigentlich schon aufhören wollte. Der Grund war, dass ich einfach müde bin. In diesem Amt werde ich immer gefordert. Dazu kam meine private Situation. Meine Eltern waren beide pflegebedürftig, und die Unterstützung meiner Geschwister war recht unterschiedlich. Um ehrlich zu sein: Je schwieriger die Situation wurde, desto weniger die Unterstützung. Das hat sehr viel Kraft gekostet. Wie gesagt, wollte ich eigentlich letztes Jahr aufhören, ich hatte auch schon einen Nachfolger gefunden. Den habe ich immer noch – aber er kann aus privaten und beruflichen Gründen das Amt erst nächstes Jahr übernehmen. Und so bin ich immer noch da.
Du spielst selbst noch Tischtennis?
Mein Bruder hatte mich 1974 mit ins Training geschleift, weil damals Jugendliche gefehlt hatten, um eine Mannschaft bilden zu können. Es kamen aber noch ein paar andere neu ins Training, die waren besser als ich. Da kam ich also nicht in die Mannschaft, blieb aber dem Sport und dem Verein bis heute treu, und mit der Mannschaft hat es auch recht bald geklappt.
Wie oft spielst du heute noch - und wo und wie hoch?
Ich spiele in der 4. Mannschaft der TTF Neuhausen in der Kreisliga B. Die Siege werden seltener. Kann sein, dass das an meinem Trainingsfleiß liegt – schließlich trainiere ich nur, wenn eine Regel neu eingeführt wird, zum Beispiel größere Bälle oder kürzere Sätze. Ich mache also nur noch meine Punktspiele.
Hattest du selbst als Spieler schon mal Ärger mit einem Schiedsrichter?
Nie. Klar, ist man mal mit einer Entscheidung nicht einverstanden – aber als Schiedsrichter will ich ja auch, dass ein Spieler meine Entscheidung akzeptiert. Und so mache ich das als Spieler auch. Schließlich nutzt es nichts, sich zu ärgern – es bringt einen nur aus der Konzentration.
Auf welche sportlichen Erfolge bist du besonders stolz?
Welche Erfolge?
Und welche Niederlage nagt an dir bis heute?
Ich hatte einen Angstgegner. Der hatte auf der einen Seite Antitop und auf der anderen lange Noppen – für mich zwei tödliche Beläge. Ich habe sang- und klanglos verloren - und hinterher gesehen, dass es das einzige Spiel in der Saison war, das er gewonnen hatte.
Gibt es so etwas wie einen Lieblingsgegner?
Nein. Aber am liebsten spiele ich gegen gute Spieler. Da weiß ich wenigstens, warum ich verliere. Die Hauptsache für mich ist immer der Spaß am Spiel und vor allem in der Mannschaft. Wichtiger als das Spiel ist das Zusammensein nach dem Spiel – wenn möglich mit Partnern.
Welchen Anteil an deinem sportlichen Werdegang hatten deine Eltern?
Gar keinen. Meine Eltern hatten sich nie für meinen Sport interessiert. Das hat mich als Jugendlicher ziemlich geschmerzt. Seit ein paar Jahrzehnten ist das aber besser geworden.
Wie oft gab es schon Momente, da du dir sagtest: Ich denke, jetzt ist es am besten, mit dem Tischtennis aufzuhören?
Den Moment habe ich nach jeder Niederlage – und das wird irgendwie immer häufiger.
Welches ist der/die beste baden-württembergische TT-Spieler/in aller Zeiten?
Hm. Zu meinen Anfangszeiten war das Peter Stellwag, heute wohl Annett Kaufmann.
Was sollten Vereine tun, um neue Mitglieder, zumal Jugendliche, zu gewinnen?
So was steht und fällt immer mit den Leuten, die man im Verein hat. Es ist enorm wichtig, eine gute Jugendarbeit zu machen. Trainer müssen da sein, die mit Kindern umgehen können - unabhängig davon, ob sie als Trainer supergut sind oder nicht. Dann reicht es heute leider nicht mehr, „nur“ gutes Training zu bieten. Es sollten auch Aktivitäten in der Freizeit angeboten werden. Dann spricht sich das herum, und nicht selten gibt’s einen Schneeball-Effekt: Es kommt einer, und der bringt dann wieder andere aus seinem Umfeld mit. Das erfordert aber viel Engagement vieler Leute – und die muss man erst mal haben. Sicher ist aber: Ein Verein, der keine Jugendarbeit macht, macht über kurz oder lang dicht.
Gibt es Tischtennisregeln, die man ändern sollte?
Die Spielregeln können aus meiner Sicht so bleiben. Was dringend geändert werden sollte, sind die vielen verschiedenen Spielsysteme. Kein Mensch, der nicht Tischtennis spielt, versteht, warum in verschiedenen Klassen unterschiedliche Systeme gespielt werden.
Und gibt es Regeln, die man unbedingt einführen sollte?
Vielleicht das Satzende nach dem Erreichen des elften Punkts. Eine Verlängerung und zwei Punkte Unterschied braucht kein Mensch.
Bald gibt es im Verband deutlich weniger Bezirke: Ist das gut?
Ja, eindeutig. Das vereinfacht die Organisation und schont auch ehrenamtliche Ressourcen.
Was macht rund ums Tischtennis am meisten Freude?
Das sind für mich die Menschen, mit denen man zusammenkommt.
Hast du weitere Hobbys?
Ich mache gerne Urlaub in den Bergen. Ich wandere sehr gerne mit meiner Frau und Freunden - und gerne auch mit dem einen oder anderen Sohn, wenn er denn mitwill. Meist sind wir in Südtirol unterwegs. Da ist das Wetter wärmer und beständiger als woanders, und ich bin ja schließlich Warmduscher.



