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Wettkampfsport

Teil III: Was macht eigentlich ... Peter Stellwag?

Von Thomas Holzapfel

Angerufen bei Peter Stellwag (Im Foto rechts, zusammen mit Mikael Appelgren), erwischen wir den ehemaligen Tischtennis-Topspieler, als er sich gerade die Joggingschuhe geschnürt hatte und sich im heimischen Böblingen auf den Weg in den idyllischen Schönbuch machen wollte, um an einem sommerlichen Tag etwas für die Fitness zu tun. Für unseren TTVWH-Mitarbeiter Thomas Holzapfel nahm sich die 62-jährige Tischtennis-Legende dann aber die Zeit, um in Erinnerungen zu schwelgen, aber auch um reflektierend auf die aktuelle Situation im Tischtennissport einzugehen.

„Ich versuche mich zumindest zwei Mal die Woche etwas intensiver zu bewegen. Das ist wichtig für den Stressabbau und man bekommt den Kopf frei“, sagt Peter Stellwag, der sich nach wie vor nicht über Langeweile beklagen kann. Mit seiner Gattin Judith führt er in Leinfelden-Echterdingen seit über zwanzig Jahren eine Zahnarzt-Gemeinschaftspraxis. „Wir fühlen uns dort sehr wohl, haben uns gut etabliert, Allerdings verlangt einem der Job auch einiges ab, vor allem, weil die heutigen Rahmenbedingungen in diesem Beruf immer herausfordernder werden.“

Dementsprechend ist es von großem Nutzen, dass der Sport – zumindest als Ausgleich zum beruflichen Alltag am Behandlungsstuhl - im Hause Stellwag weiterhin eine wichtige Rolle spielt. Wenngleich sich die Prioritäten längst verschoben haben und der Tischtennissport beim vielfachen Nationalspieler in den Hintergrund geraten ist. Vielmehr gilt der Fokus – neben dem Ausdauerlauf – seit einigen Jahren dem Tennissport. „Ich muss gestehen, dass ich aktuell keine große Verbindung mehr zum Tischtennis habe. Natürlich halte ich mich weiterhin über die Medien auf dem Laufenden, ich habe seit über vierzig Jahren das deutsche Tischtennis-Magazin abonniert und bin immer noch recht gut informiert“, erläutert Stellwag, der immer wieder gern die früheren Erfolge Revue passieren lässt.

Die sich wahrlich sehen lassen können. „Als 12- oder 13-jähriger bin ich in den Tischtennissport reingewachsen, danach stellte sich recht schnell der Erfolg ein“, erinnert sich Stellwag, der sowohl im Schüler- als auch später im Jugendbereich lange Zeit die Nummer eins in Deutschland war. Drei nationale Titel in der Jugend, später vier Titel bei den Deutschen Meisterschaften der Herren, fünf WM- und sieben EM-Teilnahmen pflasterten den Erfolgsweg von Peter Stellwag, hauptsächlich in den 1970er-Jahren. Im Jahre 1981 war es, als der Lokalmatador in Böblingen seinen letzten DM-Titel einfuhr – und dabei auch TTVWH-Redakteur Thomas Holzapfel mit einem Autogramm bedachte. Vor 4000 Zuschauern setzte sich die deutsche Nummer eins im Finale in drei Sätzen (bis 21) gegen Georg Böhm durch, der sich damals anschickte, Stellwag als deutschen Spitzenspieler abzulösen. Zwischen 1972 und 1986 brachte es der gebürtige Bad Cannstatter auf insgesamt 121 Länderspiele, hinzu kamen unzählige Einsätze für den SSV Reutlingen in der Bundesliga und im Europapokal.      

Gerade, was das Thema Bundesliga angeht, steht Peter Stellwag den Entwicklungen der letzten Jahre äußerst skeptisch gegenüber. Selbst zwanzig Jahre im Oberhaus aktiv, erinnert sich der Böblinger gerne an die spannenden und emotionalen Momente zurück. “Ein wichtiger Aspekt war damals schon, dass eine Bundesligapartie an zwei Tischen ausgetragen wurde. Da ging es hin und her und die Zuschauer wurden mitgerissen. Die Herren-Bundesliga war damals eine richtige Erfolgsgeschichte”, erinnert sich Stellwag und wird zugleich nachdenklich: “Eine absolute Fehlentwicklung ist es, im Oberhaus mit Dreiermannschaften und nur noch an einem Tisch zu spielen. Der Teamcharakter geht da völlig verloren. Aus meiner Sicht ist das völlig irrsinnig und für den Tischtennissport nicht förderlich. Auch müssen die Übergänge von der ersten zur zweiten Liga fließender gemacht werden. Es kann nicht angehen, dass Mannschaften, die kein Spiel gewinnen, am Ende trotzdem in der Liga bleiben dürfen, nur weil keine andere Mannschaft aufsteigen möchte. Solche Situationen sind Gift für die Öffentlichkeit.”

Der damaligen Änderung auf elf Gewinnpunkte pro Satz und der Vergrößerung der Bälle steht Peter Stellwag indes positiv gegenüber. “Natürlich gibt es auch gute Entwicklungen. Dennoch muss die Sportart noch transparenter werden, vor allem müssen die Aufschläge entschärft werden, zum Beispiel mit einem höheren Netz. Das Ganze ist noch nicht komplett ausgereift. Vielleicht muss man auch an den Bällen noch etwas verändern. Insgesamt gibt es viele Ansatzpunkte, aber so richtig innovativ ist man auf diesen Gebieten nicht. Dabei besteht akuter Handlungsbedarf, wenn man sich von Jahr zu Jahr die sinkenden Mitgliederzahlen vor Augen hält.”

Auch in puncto Medien vertritt Peter Stellwag eine klare Meinung. „Obwohl es heute Idole wie Timo Boll gibt, war die Medienpräsenz zu meiner Zeit höher, zumindest was die Darstellung in den öffentlich-rechtlichen Sendern angeht. Dort gab es Ausschnitte aus vielen Turnieren zu sehen, nicht nur von Welt- und Europameisterschaften, auch das Europe Top12 war damals ein Highlight“, sagt der 62-jährige. Die momentane Überflutung von Veranstaltungen ist Peter Stellwag ein Dorn im Auge. „Das ist heute alles viel zu viel. Eine WM war in den Achtziger Jahren ein nicht zu toppendes Event, es handelte sich um die größte Hallensportveranstaltung der Welt. Es war erhebend, wenn 150 Nationen bei der Eröffnung einmarschiert sind, das ging wirklich unter die Haut. Heute ist eine WM eine Veranstaltung unter vielen in einem proppevollen Terminkalender.“

Die überaus erfolgreiche Tischtenniszeit möchte Peter Stellwag auf keinen Fall missen. „Viel schöner wie damals geht es nicht. Man war weltweit unterwegs und lernte tolle Leute kennen. Zuweilen war es natürlich auch hart. Nach einem Lehrgang mit der Nationalmannschaft kam man schon mal auf dem Zahnfleisch daher. Aber die Erfolge halfen, an der Sache dran zu bleiben“, blick die deutsche Tischtennis-Legende zurück, die zuweilen durchaus emotional am Tisch agierte und das Image des „Enfant terrible“ nicht immer von sich weisen konnte. Rückblickend zeigt sich Stellwag durchaus einsichtig. „Die Menschen sind nunmal unterschiedlich. In meiner erfolgreichen Phase hätte ich es vielleicht etwas leichter gehabt, wenn ich die Emotionen unterdrückt hätte. Auf der anderen Seite war dies bei mir auch eine Stimulanz für gute Leistungen.“ Seinen damaligen Spielstil beschreibt Stellwag als abwartendes Halbdistanzspiel. „Ich war nicht so auf den finalen Smash aus, vielmehr habe ich versucht, meine Gegner durch Rhythmuswechsel und platzierte Bälle auszuspielen“, so der mehrfache deutsche Meister, der sein letztes Tischtennisspiel im März 2011 für Regionalligist TTC Frickenhausen absolvierte. Stellwag erinnert sich: „Es machte damals großen Spaß mit den Qiu-Brüdern. Die beiden wurden bekanntlich immer besser. Inzwischen hat sich die Mannschaft aufgelöst und der langjährige, erfolgreiche Macher Rolf Wohlhaupter-Hermann hat sich zurückgezogen.“ Irgendwann, mit Mitte 50, stellte sich Peter Stellwag auch die Sinnfrage. „Das Ganze lief bei unterschiedlichen Interessen innerhalb des Teams ein bisschen auseinander, was irgendwo auch ein normaler Prozess war. Es kam dann für mich irgendwann der richtige Zeitpunkt, einen Schlussstrich zu ziehen.“  

Seit einigen Jahren gibt Peter Stellwag dem größeren, gelben Filzball den Vorzug. Wobei auch hier der Erfolg nicht ausblieb. Mit dem TEC Waldau agiert er in der Altersklasse 60 in der höchsten Liga (erste Regionalliga), im vergangenen Jahr stellte man dabei das drittbeste Team Deutschlands. „Von Anfang Mai bis Mitte Juli steht bei mir der Tennissport im Mittelpunkt“, sagt der Ballkünstler, der unter anderem mit Heinz Schlüter in der Mannschaft das Tennis-Racket schwang. Schlüter, inzwischen 70 Jahre alt, ist mehrfacher österreichischer Tischtennismeister und absolvierte 140 Länderspiele für Österreich. Das war’s dann aber auch mit dem Bezug zum Tischtennis und man merkt Peter Stellwag an, dass er mit dem Hier und Jetzt mehr als zufrieden ist. Am Ende bleiben die Erinnerungen an unvergessliche, prägende Tischtenniszeiten.

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Zur Person:

Peter Stellwag (Jahrgang 1956) feierte Ende der Siebziger bis Anfang der Achtziger Jahre seine größten Erfolge. In dieser Zeit wurde er 4 x deutscher Meister im Einzel und gewann einmal die Silbermedaille im Doppel bei den Europameisterschaften (mit Jochen Leiß). Er nahm an fünf Weltmeisterschaften teil und bestritt 121 Länderspiele. 1980 verlor er mit der deutschen Mannschaft bei der EM im Endspiel gegen Schweden, allerdings besiegte er dabei die damaligen Weltklassespieler Ulf Thorsell, Ulf Carlsson und Stellan Bengtsson. 

Peter Stellwag ist gebürtiger Cannstatter. Nach ersten Erfolgen bei nationalen Schüler- und Jugendturnieren – so gewann er 1972 bis 1974 drei Mal hintereinander die deutsche Jugendmeisterschaft – wechselte er 1972 zum SSV Reutlingen, mit der er 1973 den Aufstieg in die Bundesliga schaffte. 1977 erreichte er mit Reutlingen das Double in Form von Meisterschaft und deutschem Pokalsieg. Später gewann er mit demselben Verein zwei Mal den Europapokal der Landesmeister sowie den europäischen Nancy-Evans-Cup.

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